Erzählen wir unser Leben falsch?
Sep 23, 2026
Ich war zwanzig und in "Sin City". In Las Vegas. Und damit beginnt meine heutige Geschichte über das Älterwerden.
Mein bester Freund und ich waren nach dem Abitur schon wochenlang durch den Südwesten der USA gereist, und jetzt endlich in Las Vegas angekommen, unser Traum damals. Leider lag er gleich am ersten Abend krank im Hotel. Also nahm ich unseren Mietwagen, fuhr allein Richtung Stadt und parkte irgendwo am Strip.
Der nächste Moment ist mir bis heute so präsent, als wäre er gestern gewesen.
Ich öffnete die Autotür. Es war unsagbar heiß und gleichzeitig windig, und dieser heiße Wind schlug mir so hart ins Gesicht, dass es war, als würde ich gegen eine Wand laufen.
Ich hatte ein kurzes Kleid an, sonnengebräunte Haut von der ganzen Reise davor, ich fand mich schön und unheimlich mutig, so ganz allein in dieser Wüstenmetropole. Ich wusste nicht genau wohin, aber ich lief einfach los. Zwischen Menschen. Zwischen Glitzer und Glimmer. Blinkblink hier, Werbung da, Casinos, Stimmen, Musik aus irgendwelchen Türen.
Und ich hatte keine Angst.
Ich fühlte zum ersten Mal in meinem Leben etwas in dieser Form. Ich fühlte mich frei.
Niemand wusste, wo ich gerade war. Handys gab es nicht. Niemand kannte mich. Dieser ganze Rattenschwanz, den wir alle mit uns herumtragen, war für einen Abend einfach nicht da. Ich musste niemandem Rechenschaft ablegen, ich musste nichts erklären, und ich musste keine Erwartungen erfüllen.
Ich war einfach ich. Neugierig auf das Leben, auf Begegnungen.
Und ich war stolz. Weil ich mich das getraut hatte.
Mein Körper war leicht, mein Gesicht offen, ich bin einfach gelaufen, hab gelächelt und dieser heiße Wind in meinem Gesicht …, der wurde seither zum Lebensgefühl. In mir drin nichts als Motivation und die Erkenntnis: Ich bin unbesiegbar.
Jetzt fängt mein Leben richtig an. Das dachte ich in diesem Moment. Besser als jetzt kann es ja gar nicht mehr werden.
Und ich habe das nicht wehmütig gedacht. Ich habe es gedacht wie jemand, der auf einem Gipfel steht.
An diesem Abend ist übrigens noch viel passiert. Aber du weißt ja: What happens in Vegas, stays in Vegas.
Wenn ich heute an diesen Moment denke, frage ich mich manchmal: Wann habe ich dieses Gefühl eigentlich verloren?
Denn das passiert ja vielen von uns. Wir kommen an einen Punkt, an dem wir zum ersten Mal die Flügel ausbreiten. Und eigentlich möchten wir diesen Moment am liebsten einfrieren und auf alles anwenden, was danach noch kommt.
Aber dann kommt das Leben dazwischen. Und ohne dass wir es merken, laufen wir wieder in unserem alten Hamsterrad.
Irgendwann ist dieses Gefühl nicht mehr da. Und die Erinnerung daran wird zu einem wunderbar erlebten Höhepunkt, nach dem alles nur noch bergab geht.
Und ich glaube, das hat einen Grund.
Damals dachte ich, das ist DER Höhepunkt
Wenn ich heute zurückschaue, war es ein Höhepunkt. Einer von mehreren. Einer von diesen, auf die auch mal ein Rückschlag folgt.
Und ich will den Moment damit überhaupt nicht kleinreden. Er war riesengroß, er war echt, und ich trage ihn bis heute mit mir herum. Ich spüre diesen heißen Wind in meinem Gesicht, wenn ich nur daran denke.
Aber wenn das wirklich der Höhepunkt meines Lebens gewesen wäre, der einzige, dann wäre ich seit über dreißig Jahren im Abspann.
Und dieser Gedanke ist für mich mehr als interessant. Denn ich glaube, wir denken ziemlich oft so über unser Leben. Und besonders über das Älterwerden.
Wir betrachten unser Leben wie einen Film
Ein Film ist immer gleich gebaut. Es gibt einen Einstieg, dann die Heldenreise der Hauptfigur mit allem, was dazugehört, dann einen Höhepunkt. Und danach läuft alles auf ein Ende zu.
Wenn wir unser Leben so erzählen, dann liegt der Höhepunkt zwangsläufig irgendwo in der Mitte. Oder gar im ersten Drittel. Und alles danach ist Auflösung. Der Teil nach dem Gipfel. Der Abspann.
Kein Wunder, dass Älterwerden sich dann anfühlt wie Verlieren. In dieser Erzählform kann es gar nichts anderes sein.
Und ja, manches ist tatsächlich vorbei. Es gibt Dinge, die kommen nicht wieder, und das darf sich auch traurig anfühlen.
Aber ist unser Leben wirklich ein Film?
In der Rückschau auf mein bisheriges Leben sehe ich keine einzige durchgehende Geschichte mit einem Gipfel in der Mitte. Und wenn du ehrlich bist: Ich glaube, dir gehts genauso.
Ich sehe Abschnitte. Und jeder hatte seinen eigenen Anfang, seine eigenen Themen, seine eigenen Höhepunkte. Und übrigens auch seine eigenen Tiefpunkte.
In manchen Abschnitten waren Menschen dabei, die in späteren nicht mehr vorkommen. Andere sind erst spät dazugekommen und sind heute nicht mehr wegzudenken. Und vieles, was sich damals angefühlt hat, als ginge es um alles, interessiert mich heute nicht mehr die Bohne.
Das ist keine Filmhandlung. Das sind Staffeln einer Serie.
Und Serienstaffeln sind anders aufgebaut
Niemand sagt von einer guten Serie, sie werde ab Staffel vier automatisch schlechter. Man fragt und man ist gespannt: Worum geht es in dieser Staffel?
Was als eine Sorte Geschichte angefangen hat, ist später vielleicht eine andere. Neue Figuren kommen dazu, alte verschwinden, und das ist kein Fehler im Drehbuch. Das ist die Erzählform dieser Serie.
Und jede Staffel hat ein Thema, das sich anfühlt, als ginge es um alles.
In meiner Kindheit war das die Frage, ob mein Taschengeld für den nächsten Bazooka Joe Kaugummi reicht und ob ich draußen spielen darf, bis es dunkel wird. Und der Bau einer Bretterbrücke über der Pfütze hinter dem Haus, war der Höhepunkt. Mit zwanzig stand ich in Las Vegas und dachte, jetzt oder nie.
Damals war es alles. Heute lächle ich darüber.
Und mit sechzig lächle ich vielleicht über das, was mich heute in meinen Fünfzigern umtreibt.
Was ändert sich durch diesen Wechsel von Film zu Serie?
Eigentlich nur eine einzige Frage.
Wer sein Leben und das Älterwerden als Film denkt, fragt: Wie viel ist noch übrig?
Wer in Staffeln einer Serie denkt, fragt: Worum geht es eigentlich gerade?
Es ändert nichts an dem, was vorbei ist. Aber es ändert, wohin du als nächstes schaust.
Und was das mit deinem Gesicht zu tun hat?
Vielleicht denkst du jetzt, das sei weit hergeholt. Ist es aber nicht.
Denn es gibt kaum etwas, bei dem wir so überzeugt in Filmlogik denken wie bei unserem Gesicht oder generell unserem Aussehen. Da war der Gipfel irgendwann, und alles danach ist Abstieg. Deshalb schauen wir in den Spiegel und suchen, was fehlt. Ich gebe zu, wenn wir in Serienlogik denken, ja das hält auch die eine oder andere Falle bereit, denn nun vergleichen wir möglicherweise Staffel vier mit Staffel zwei und stellen fest, dass Staffel zwei irgendwie besser war.
Nur vergleichen wir da gerade Dinge, die gar nicht zusammengehören.
Ja, dein Gesicht hat heute mehr Falten als mit zwanzig. Das ist so, und ich rede dir das auch nicht aus.
Aber das Thema dieser Staffel ist ein anderes. Du willst nicht zurück in Staffel zwei. Und bis auf wenige Ausnahmen, sind wir ehrlich, würdest du eine alte Staffel ein zweites Mal anschauen, wäre sie oft sehr langweilig. Du willst gut aussehen und dich gut fühlen in der, in der du gerade bist. Das ist eine völlig andere Frage, und ehrlich gesagt finde ich sie die interessantere.
Ich arbeite so, wie ich arbeite, weil ich mir das für dich auch wünsche. In TV Serie zu denken, nicht in Film. Es geht mir nicht darum, dir etwas zurückzugeben, was vorbei ist. Es geht darum, das Beste aus dem zu holen, was jetzt da ist. Das Beste aus der Person zu holen, die du heute bist. Das Beste aus deinem Gewebe herauszuholen, deiner Muskulatur, deiner Haltung, innerlich wie äußerlich. Aus deinem Nervensystem. Deiner Energie. Deiner Ausstrahlung.
Denn das ist deine aktuelle Folge. In deiner aktuellen Staffel.
Eine neue Staffel fängt nicht damit an, dass jemand das Alte zurückbringt. Sie fängt damit an, dass etwas Neues aufgemacht wird.
Ich weiß nicht, in welcher Staffel du gerade bist. Aber ich weiß, dass du mittendrin bist und nicht im Abspann.
Wenn du wissen willst, worum es in deiner aktuellen Staffel gehen könnte:
Ich habe ein kostenloses Video für dich, mit dem du anfangen kannst.